Vom Pessachmahl zum Eiapopeia

Eierpecken

Wenn Ostern naht, dann gackern zwar die Hühner munter weiter, doch die Eier werden ausnahmsweise einmal von den Hasen gelegt. Diese verkehrte österliche Welt ist allerdings nicht auf mangelnde Biologiekenntnisse zurückzuführen, sondern hat ihre Wurzeln tief in der Vergangenheit. Dabei ist das Eiersuchen und -färben selbst ein verhältnismäßig junger Brauch.

Konkrete Hinweise finden sich erst im Straßburger Zunftleben um 1615. In Österreich kann man in einer Ennstaler Speiseordnung aus dem Jahr 1684 nachlesen, daß dem Gaflenzer Gesinde am Ostermontag eine Sonderration von „50 roth ayr“ pro Mann gewährt wurde. Schließlich ist auch in den Ostergeschichtlein des Salzburger Barockpredigers Andreas Strobl bereits ausführlich vom Ovum Paschale novum oder Neugefärbten Oster-Ayr die Rede. Im Ei – so vermuteten schon in der Antike keineswegs nur die Feinschmecker – seien alle Geheimnisse des Kosmos und seiner Entstehung verborgen. Nicht zufällig sind sowohl Aphrodite als auch die babylonische Göttin Ischtar aus einem Ei geboren worden. Und auch die jüdische Religion besitzt ihr kultisches Ei, das beim Pessachmahl in Essigwasser serviert wird und sowohl an die Not der Israeliten im ägyptischen Exil als auch an die Fragilität aller menschlichen Existenz erinnern soll. Die indischen Veden wiederum wußten von einem Weltei zu berichten, das zur Hälfte aus Gold und zur Hälfte aus Silber bestand: Aus dem goldenen Teil sei – so behaupteten sie – der Himmel, aus dem silbernen die Erde erschaffen worden.

Unser Osterei hat indessen – wie vieles im alpenländischen Brauchtum – sowohl heidnische als auch christliche Wurzeln. Bereits in den germanischen Göttersagen stößt man beispielsweise auf ein erstaunliches Zusammentreffen von Ei und Hase. Meister Lampe galt nämlich als das Lieblingstier ausgerechnet jener Frühlingsgöttin Ostara, die nicht nur – wenngleich sprachgeschichtlich umstritten – dem Osterfest seinen Namen gab, sondern sich auch mit Vorliebe bunt bemalte Eier opfern ließ. Auch der Wettergott Donar hat etwas mit Eiern zu tun: Daß Spinat mit Spiegelei bis heute als klassisches Donnerstagsessen gilt, liegt daran, daß man den Eiern, die am Tag des Donar geweiht wurden, ebenso magische Kräfte zuschrieb wie dem Spinat selbst.

Christlichen Missionaren waren solche abergläubischen Vorstellungen freilich ein Dorn im Auge. Vernünftigerweise verteufelten sie das Osterei jedoch nicht, sondern bauten es lediglich in die christliche Lehre ein. Im Schrifttum der Jesuiten etwa gilt das Ei als Symbol der Vollkommenheit, aber gleichzeitig auch als Zeichen der Zerbrechlichkeit durch die in die Welt gelangte Sünde. Und im christlichen Volksglauben wurde das Ei sogar als Auferstehungs-Szenario empfunden: Das Eigelb symbolisiert den gekreuzigten Leib Jesu, das Eiweiß die Grabtücher und die Schale das Grab selbst. Durch das Eierpecken konnte man die Auferstehung des Herrn daher selbst Kindern anschaulich machen. Sogar für das lustige Ostereiersuchen findet sich eine plausible theologische Erklärung: „Sage mir, wohin du ihn gelegt hast!“ (Johannes 20, 15) fragt nämlich die im Garten nach Jesu Leichnam suchende Maria Magdalena.

Es dauerte trotz soviel christlichen Überbaus eine ganze Weile, bis das Ostereiersuchen und das Eierpecken tatsächlich zum echten Volksbrauch wurde. Der Osterhase selbst gilt nämlich erst als Erfindung jenes Försters Fuhrmann, der offensichtlich ein geistiger Vetter des Till Eulenspiegel war und 1756 bei den Behörden tatsächlich zu Protokoll geben ließ, er habe einen Hasen aufgezogen, der etliche Eier legte, in denen sich nach dem Öffnen allerdings nichts als weißes Wasser befunden habe.

Seither hat das Eiapopeia in der Osterwoche nicht mehr aufgehört. Im bäuerlichen Handwerk des 19. Jahrhunderts wurden ausgeblasene Eier mit Silberdraht-Chenille und farbigen Schnüren ebenso populär wie bemalte Glaseier.

Rund um das Osterei entwickelten sich zahlreiche Geschicklichkeitsspiele wie das „Gonesrennen“ oder das „Eierklauben“ in Tirol und Salzburg. In der Steiermark wiederum kennt man den Brauch, Ostereier zwischen zwei geneigten Holzbrettern hinunterrollen zu lassen. In manchen Gegenden wirft man auch mit einer Münze nach dem Ei und hofft, daß sie darin steckenbleibt und Glück bringt.

Ein ganz besonderer, aber schon fast vergessener Ostereierbrauch ist es, die am Gründonnerstag – in Tirol: „Weichenpfinstag“ – gelegten Eier entweder mitsamt der Schale zu essen oder unter den Dachbalken zu stecken, um das Haus vor Unwetter zu schützen. Der Grund dafür ist so herzhaft wie einleuchtend: „Am Weichenpfinstag“, sagt man heute noch in manchen Gegenden Tirols, „ ist der Henn das Ei im Arsch g’weicht.“ Wobei unter „g’weicht“ selbstverständlich nicht weiche, sondern geweihte Eier zu verstehen sind.

Autor: Anita Arneitz

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Kommentare2

Eierpecken

  1. Martina Hainzl
    Martina Hainzl kommentierte am 19.03.2015 um 10:00 Uhr

    Haben wir schon als Kinder immer gerne gemacht!

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  2. wienermaus
    wienermaus kommentierte am 15.03.2015 um 19:19 Uhr

    ist ein lustiger Brauch,mache ich zu Ostern immer mit meinen!

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