"Wer net krendeln kånn, der kriagt kan Månn“

Wo die Nudel ein Krapfen ist

Die Kärntner Nudel – das Wort wird umgangssprachlich bis heute in der Einzahl verwendet, selbst wenn ein ganzes "Nudelkuddelmuddel" gemeint ist – ist wohl das bekannteste unter allen Kärntner Gerichten, obwohl es mit "normalen Nudeln" nicht die geringste Ähnlichkeit besitzt.

Bei der Kärntner Nudel handelt es sich vielmehr um eine Art "Krapfen" aus Nudelteig, und in der Tat heißt die Kärntner Kasnudel auf slowenisch auch "sirnati krapi" (im Rosental) oder "ziljski krapi" (im Gailtal), mitunter auch schlicht und einfach "krapi".
Ein Schmalzgebäck namens "crapho" ist in unseren Regionen schon seit karolingischen Zeiten bekannt. Man verstand darunter ursprünglich jede asymmetrische, bügelartige Form, wie sie ja auch in den von Hand gemachten Kärntner Nudeln sichtbar wird.

Die Entstehungsgeschichte der "Käskrapfen", aus denen im Lauf der Zeit die "Kasnudel" werden sollte, geht auf jene Zeit zurück, in welcher die Milch- und Käsewirtschaft der unfreien Bauern der Haupterwerbszweig war. Das Typische der Kärntner Nudeln ist dabei nicht so sehr die Form als vielmehr die Fülle, über die sich unter Kärntner Hausfrauen, je nach Talschaft, oft auch trefflich streiten lässt. Ob im Lesach-, Lavant- oder Mölltal: In jedem Bauernhaus gab es früher eine spezielle Nudelschüssel, die aus einem einzigen Stück Holz gedrechselt war. Gemeinsam war all diesen Schüssel eine Erhebung mit einer abermaligen – Schmalztumpf genannten – Vertiefung, in welche das Schmalz für die Nudeln gegossen wurde. Aus dieser Schüssel, die in die Mitte des Tisches gestellt wurde, aß man gemeinsam die Nudeln – und tunkte natürlich nach Herzenslust ins Schmalz.

Die Vielfalt der Kärntner Nudel ist geradezu unerschöpflich: Es gibt Fleischoder Faustnudeln, Specknudeln, Karoben (Johannisbrot-)nudeln, Rote- Rüben-Nudeln, Erdäpfelnudeln, Kirschennudeln, Nussnudeln, Kloatzenoder Scheketenudeln und viele andere mehr.
Und dann ist da natürlich der Klassiker, die Kasnudel, von der freilich auch wieder etliche Varietäten bekannt sind. Einig ist man sich nur über die Topfenfülle. Ob diese mit Semmelwürfeln oder mit Erdäpfeln, mit Hirse oder mit Bröseln gemacht wird, ist ebenso Ansichtssache wie der optimale "Frischkräutermix".

Gegen Ende der 60er Jahre schien die Kärntner Nudel als letztes Überbleibsel einer agrarischen Sättigungs-Kultur schon fast vom Aussterben bedroht, da sich der Zeitgeschmack damals zunehmend der Hawaii-Steak-und-Pommes-Welle zuwandte. Durch die in den 80ern und 90ern erfolgte Renaissance der österreichischen Regionalküchen (und nicht zuletzt durch ihre perfekte Eignung zum Tiefkühlen) ist die Kärntner Nudel heute jedoch wieder präsenter denn je auf den Tafeln. Man erinnert sich sogar wieder der alten Hausfrauenweisheit: "A Kärntnerin, die net krendeln kånn, die kriagt kan Månn". Unter der kunstvollen Technik des "Krendelns" versteht man die Fähigkeit, den fast ornamentalen Rillenrand der berühmten Nudel mit flinken Fingern, gewissermaßen aus dem Handgelenk heraus, auf optimale Weise gleichmäßig zu formen. Zuvor muss man allerdings erst einmal den Teig und die Fülle(n) richtig in den Griff bekommen. Sind die Nudeln einmal fertig, so stellen sich freilich neue Fragen: Soll man die Nudel nach dem Kochen lieber in Butterschmalz oder mit ausgelassenen Speckwürferln "anbrantscheln" (kärntnerisch für: Anbraten)? Soll man sie als Vor- oder Hauptspeise oder gar – wie früher in Kärnten allgemein üblich – auch mit einem "Häfalan Kaffee" als Frühstück kredenzen? Schmalzt man sie mit Butter oder Sasaka ab? Trinkt man dazu Bier, Milch oder Most? Fragen über Fragen. Aber die Kärntner Nudel hat sie bis heute alle souverän überlebt.

Autor: Christoph Wagner

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